domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 10: MOZART

Interview about young Mozart (11/2005)

Axel Brüggemann is questioning Nikolaus Harnoncourt about young Mozart - the interview was taking place summer 2005 and published because of the Kyoto Prize ceremony November 2005.

Axel Brüggemann, Klassik-Blog of Welt am Sonntag, November 9, 2005

Der Kyoto-Preis hält Japan eine Woche lang in Atem - heute hat man sich bei einem Bankett des Bürgermeisters warmgegessen, auch Nikolaus Harnoncourt, der den Preis morgen überreicht bekommt. Aus aktuellem Anlass ein älteres Interview mit ihm über den jungen Mozart.


Preisverleihungen sind in Japan eine große Oper: Etwa 300 geladene Gäste sind heute in das Kaiserhotel nach Kyoto gekommen, um die Preisträger des Kyoto-Preises zu feiern.

Unter ihnen auch der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn, seinem Bruder und der Familie. Beim 10-Gang-Menü zog der Maestro es vor, die Stäbchen bei Seite zu lassen und mit der Gabel zu essen. Geschmeckt hat es allemal.

Morgen wird Nikolaus Harnoncourt den Nobelpreis Japans bekommen. Aus gegebenem Anlass hier ein Interview mit ihm, das ich vor einem halben Jahr über den jungen Mozart mit ihm führte:

„Mein Herz ist völlig entzücket“, hat Mozart mit 13 Jahren an seine Mutter geschrieben, „aus lauter Vergnügen, weil mir auf dieser Reise so lustig ist. “ Herr Harnoncourt, glauben Sie, dass Mozart Spaß hatte, als er mit Vater und Schwester quer durch Europa reiste?

Es ist erstaunlich, wie frohgemut er von seinen Reisen berichtet, fast so als wären sie keine Strapaze gewesen. Dabei wissen wir, wie beschwerlich es gewesen sein muss, von London nach Rom zu kommen. Die Familie kämpfte mit Krankheiten, die Räder der Kutschen sind dauernd gebrochen. Wenn man die Stunden zählt, die Mozart auf seinen Europareisen gerüttelt und geschüttelt wurde, komme ich zur festen Überzeugung, dass er die meisten seiner frühen Werke im Wagen komponiert haben muss. Vielleicht haben ihn die rhythmischen Bewegungen inspiriert.

Wie hat er da geschrieben?

Er hat während der Fahrt natürlich gar nicht geschrieben. Er hat die Noten in seinem Kopf erfunden und sie zu Papier gebracht, nachdem die Kutsche angehalten hatte. Mozart wird immer wieder mit dem Satz zitiert: „Die Komposition ist fertig, ich muss sie nur noch aufschreiben.“

Auf seinen Reisen von Hof zu Hof erfand er das „Königreich Rücken“ und ernannte sich selbst zum König ...

Er hat sich ein Märchenreich gebaut, so wie es alle Kinder tun. Das Rührende ist, dass er abgesehen von seiner Musikalität ein ganz normales Kind war, das mit den Kindern der Könige auf dem Boden tollte.

Als Mozart seiner Mutter aus Mailand schrieb, unterzeichnete er den Brief mit: „Der nehmliche Hanswurst, Wolfgang in Teütschland, Amadeo in Italien, De Mozartini.“ War Mozarts Kompositionsstil ebenso kosmopolitisch wie seine Sprache?

Im Zentrum stand bei ihm eindeutig der Ton der Salzburger Hofmusik. Aber auch böhmische Einschläge sind zu hören und immer wieder die Auseinandersetzung mit der Volksmusik umliegender Bauerndörfer. Noch in seiner Oper Così fan tutte hat Mozart die musikalischen Dialekte seiner Heimat zitiert. Am Gesang der Dienstmagd Despina lässt sich genau ablesen, aus welchem Dorf sie stammt. Es ist interessant, dass Mozart von seiner Kindheit bis zu den späten Werken immer wieder Jodler verwendet hat, wenn er Zärtlichkeit ausdrücken wollte.

Er komponierte also eher wie ein Wolfgang und nicht wie Amadeo Mozartini?

Das konnte er natürlich auch. Mozart hat auf seinen Reisen jede Musik aufgesogen. Seine Italienreisen waren eine Wanderung durch Inspirationslandschaften. Er hat nie komponiert, als würde es den Rest der Welt nicht geben. Als Kind hat er mit großem Staunen die Wiener Musik aufgegriffen. In seinen frühen Sinfonien ist zu hören, wie er auf aktuelle Moden reagierte, auf rhythmische Raffinesse und überraschende harmonische Wendungen. Dabei hat er selbst als Kind nie billige Klischees bedient. Durch die Reisen hat er eine kompositorische Unabhängigkeit erreicht, die er in seiner ersten großen Oper Idomeneo ausgereizt hat. Sein eigenwilliger Stil wäre in Deutschland, Österreich und Italien undenkbar gewesen.

Lange wurde Mozarts Frühwerk belächelt. Ihre Neueinspielung lässt nun eine unglaubliche harmonische Tiefe hören.

Diese Musik ist ein Wunder und für mich schlichtweg unerklärbar. Als ich das Orchester erinnert habe, dass Mozart acht Jahre alt war, als er seine erste Sinfonie komponierte, haben wir alle eine Gänsehaut bekommen. Was uns erschreckt, ist, dass ein Kind rein philosophisch gar nicht so weit sein kann, um Einsichten zu vermitteln, die Mozarts Musik geben. Woher hat er die zärtlichen Liebesszenen aus Bastien und Bastienne? Solche Musik schreibt man nicht, wenn man am Schlüsselloch des elterlichen Schlafzimmers gelauscht hat.

Also reden wir von einem Genie?

Mich erinnert Mozarts Reife an den kleinen Pascal, der als Kind die häretischen Sätze gefunden hat. Mein Freund, der Regisseur Jean-Pierre Ponelle, glaubt, dass es möglich sein muss, ohne rationale Denkvorgänge, quasi im Blindflug auf wichtige Ergebnisse zu kommen. Dieser nicht nachvollziehbare Denkvorgang macht Mozart zu einem so unerklärbaren Phänomen. Wenn man seine Kompositionen mit Werken erwachsener Komponisten seiner Zeit vergleicht, hört man, dass er mit der gleichen mächtigen Klaue geschrieben hat, dabei aber nie klang, als hätte er sich die Kunst angelernt. Sie war einfach da.

Wie ist diese Reife in den frühen Sinfonien greifbar?

Nehmen wir die letzten Sätze. Sie waren meist Jagdmotive. Aber: Bei den Mozarts hat niemand gejagt. Mozart hat das Jagen als Bild verarbeitet. In seiner Musik geht es um das Scheitern und um das Leid des Gejagten. Oder die theatralischen Ouvertüren, in denen er Charaktere wie aus der Commedia dell'Arte vorstellt. Da treten ein polternder Vater, ein weiser Alter oder ein lächerlicher Mann auf. Deshalb haben die ersten Sätze bei ihm oft fünf oder sechs unterschiedliche Themen. Und ich bin sicher, dass Mozarts Zeitgenossen sich bei seinen musikalischen Bildern vor Lachen auf die Schenkel geschlagen haben.

Wir leben mit einem merkwürdigen Mozartbild: Manche sagen, er habe keine Kindheit gehabt, andere behaupten, dass er ein ewiges Kind war. Was ist richtig?

Das Merkwürdige ist, dass es in Mozarts Leben und in seinem Werk kaum Brüche gab. Alles fließt. Musikalisch hat er sich in seiner Kindheit ein Vokabular angeeignet, auf das er noch in der Jupiter-Sinfonie zurückgreift. Interessant ist, dass Mozart in seiner Kunstwelt alles unter Kontrolle hatte, während er in der Praxis des Lebens mit Dingen konfrontiert wurde, mit denen er nicht umgehen konnte.

Später gab es Brüche in der Auseinandersetzung mit seinem Vater.

Die Rolle von Leopold Mozart wird heute oft verzerrt dargestellt. Angeblich war er ein Vater, der seinen Sohn gequält hat. Ich habe seine „Violinenschule“ ungefähr 20-mal gelesen und halte sie für eine der bedeutendsten pädagogischen Schriften. Das liegt daran, dass Leopold seine Mittel immer erklärt hat. Für mich ist aber noch wichtiger, dass der Vater seine eigene, viel versprechende Karriere als Komponist aufgegeben hat, als er die Begabung des Sohnes erkannte. Ich erkläre mir das so, als würde man plötzlich feststellen, einen Außerirdischen in der Familie zu haben, an dessen unbegreiflichen Gaben man einfach nicht vorbeikommt.

Leopold war also idealer Lehrer eines Hochbegabten?

Auf jeden Fall hat Mozart nicht unter den Anforderungen gelitten - er hat sie genossen. Er wollte gefordert werden. Und Leopold wusste, dass er seinen Sohn nicht im kleinen Salzburg versauern lassen konnte.

Später hat der Vater seinem Sohn die Fürsorglichkeit immer wieder zum Vorwurf gemacht.

Es ist ein seltenes Glück, dass wir diese Vater-Sohn-Beziehung so lange verfolgen können. Dann kommen diese Psychologen und schreien „Krise!“, weil sich Wolfgang mit Constanze eingelassen hat. Ich spreche aus Erfahrung: Jeder Vater hat ein Problem damit, wenn der Sohn seine erste oder zweite Liebe anschleppt. Und was sich da heute am Telefon oder per SMS abspielt, ist doch nichts im Vergleich zu den Auseinandersetzungen zwischen Wolfgang und Leopold. Ich kann mir keine liebevollere und respektvollere Beziehung zwischen Vater und Sohn vorstellen als diese.

Das wurde auf den Reisen deutlich, wenn einer von ihnen erkrankte und der andere in großer Sorge war.

Die Menschen waren vertrauter mit dem Tod. Aber wenn Sie lesen, wie Mozart über den Tod seiner Mutter geschrieben hat, ist das sehr ergreifend. Er hat Freunde bemüht, weil er nicht in der Lage war, es seinem Vater zu erzählen. Gleichzeitig hat sich sein musikalischer Stil nicht geändert: Als Profi nahm er Auftragswerke für heitere Musiken an. Übrigens war das Ehepaar Mozart angeblich das schönste in Salzburg und ist sehr zärtlich miteinander umgegangen.

Umgänglich war auch der Familienton. In einem Brief schrieb Mozart: „Ich küsse der Mama die Hand wie auch meiner Schwester das Gesicht, Nasen, Mund, Hals und meine schlechte Feder, und Arsch, wenn er sauber ist.“

Dazu muss man wissen, dass die Prüderie erst im 19. Jahrhundert ihren Lauf genommen hat. Maria Theresia, die Mozart auf ihren Knien geschaukelt hat, war eine sehr katholische Frau und hat eine Keuschheitskommission gegründet. Aber ich bin sicher, dass die Tischunterhaltung von Maria Theresia mit ihren Kindern und ihrem Mann bis heute nicht druckreif wäre. Mozarts Bäsle-Briefe mit der Fäkal-Erotik haben ganze Universitäts-Institute beschäftigt. Dabei ist es ganz einfach: So hörte sich eben der ganz normale, stets geistreiche Umgangston seiner Zeit an.

Die Frivolität der Briefe wuchs, als seine Werke ernster wurden.

Mozart war ein Spieler: In der Musik setzte er gern auf den Effekt der Verblüffung. Und auch im Leben spielte er, starb mit Spielschulden. Dieser Hang zum Spiel macht auch seinen Umgangston aus. Wenn Mozart Sinfonien geschrieben hat, in denen er an den Grund seines Seins gestoßen ist, musste er eine Kompensation finden. Gut vorstellbar, dass er seinen Trieb beim Schreiben befriedigte.

Auf den Reisen durch die Königshöfe von London bis Paris hat er sich immer gut benommen. Der englische König grüßte ihn im Hyde-Park mit „Master Mozart“. Aber war er nicht eigentlich eine wandernde Zirkusnummer?

Man kann das schon so sehen. Leopold war ein gebildeter Mann und hat ein internationales Netzwerk gesponnen. Überall staunte man über das Gleiche: ein Kind, dem eine Melodie vorgespielt wurde, die es in eine Fuge verwandelte. Das war etwas Unglaubliches. Eine Attraktion. Eine Art Intellektuellen-Zirkus. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Mozart kein Kalb mit fünf Beinen war, das man angeglotzt hat. Dieses Kind war bewundernswert, weil sich sein Können an gebildete Menschen wendete.

Mozart ist bereits mit 34 Jahren gestorben. Wohin hätte sich seine Musik entwickelt, wenn er länger gelebt hätte?

Ich glaube, dass Mozart und Beethoven gemeinsam das musikalische Europa definiert und entwickelt hätten. Dass sie zwar auf unterschiedliche Arten, aber auf gleicher Augenhöhe miteinander um Innovationen gerungen hätten.

Was bleibt von Mozart außer dem Mythos vom Wunderkind?

„Was bleibt denn schon von Kunst?“ fragt Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ und antwortet: „Wir als Veränderte bleiben.“ Kunst bewegt die Menschheit nur im Mikrokosmos des Einzelnen. Nach Mozarts G-moll-Sinfonie bin ich nicht mehr der, der ich einmal war. Dafür bin ich ihm dankbar.

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