domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT: GEIST UND TECHNIK DER INSTRUMENTE

Geist und Technik der Instrumente

Eine entscheidende Rolle in Ihrem Musikdenken spielen die Instrumente. Sie sind ein wesentlicher Ausgangspunkt für Ihre Überlegungen zu Klangbild und Artikulation. Hinter Ihrer handwerklich-praxisorientierten Haltung gegenüber dem Instrument sehe ich aber auch noch einen Rest von dem, was bei den Naturvölkern der Schamane betreibt: Nämlich so etwas wie eine Suche nach dem "Geist", der dem Instrument innewohnt und den man mit geeigneten Mitteln zum Sprechen bringen kann. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Komponisten Bernd Alois Zimmermann zitieren. Er sagte, der Klang der Instrumente habe ihn stets außerordentlich fasziniert, weil das schwingende Material, ganz gleich welcher Bauart, zu einem so vollkommenen Ausdrucksmittel des Spielers werden könne. Und er fügte hinzu: "Gestatten Sie mir das naive Bekenntnis, dass ich darin immer wieder etwas Wunderbares sehe, weil es die Verwandlung eines Gegenstandes zum Instrument, die des Instruments zu dem des musikdenkenden Geistes bedeutet."

Richtig! Das ist für mich ein ganz wichtiger, aber zugleich auch gefährlicher Punkt. Denn das Instrument bleibt stets ein Instrument, ein Werkzeug. Und wenn wir das Instrument verabsolutieren – gerade in der alten Musik kann das manchmal passieren –, dann wird das Werkzeug wichtiger als die Musik. Dazu habe ich mit meiner Arbeit ungewollt vielleicht auch etwas beigetragen. Doch ich habe von Anfang an das Instrument immer als Instrument gesehen – wenn auch vielleicht mit dieser magischen Komponente, die Sie gerade genannt haben. Nun gibt es etwas, das mir bei sämtlichen Instrumenten auffällt, und das man auch auf andere technische Geräte übertragen kann. Versuchen wir uns einmal den Ursprung der Klangerzeugung zu vergegenwärtigen. Vielleicht hört man bei einem Bogen, mit dem man Pfeile schießt, einen Klang; man hat den Mund in der Nähe der Saite und die Resonanz des Mundraums verstärkt den Ton. Auch Hohlkörper wie Kürbisse, Muscheln oder Schildkrötenpanzer ergeben Klänge, wenn sie entsprechend mit schwingender Luft in Verbindung kommen. Das reizt den Erfindergeist des Menschen, und er will dieses "Instrument" verbessern. Doch ab einem gewissen Punkt, den man sehr genau erkennen kann, ist eine Verbesserung nicht mehr möglich; dann gibt es nur noch Veränderungen. Von da an muss ich immer auf etwas verzichten, wenn ich etwas verbessern will. Und es wäre ein großer Fehler, diese Veränderungen nur als Verbesserung zu bezeichnen; es ist immer ein Preis zu bezahlen, und die Frage heißt: Ist es das wert?

Ein Beispiel?

Sie haben eine Querflöte von 1500. Die ist auf ihre Art ein vollkommenes Instrument. Sie hat sieben Grifflöcher, das ist mit den beiden Händen gut zu bewältigen. Ihre Bohrung ist so, dass man mit dem Atem mühelos Melodien spielen kann; sie ist nicht so groß, dass man alle zwei Töne atmen muss. So entsteht ein Ton, den jeder musikalische Mensch als sehr schön bezeichnet. Auf dieser Flöte können Sie einfache Tonleitern spielen, weil sie ja nur sieben Löcher hat. Wenn ich nun aber Halbtöne zwischen diesen Tönen spielen will, muss ich Griffe verwenden, die die Einfachheit dieses Instruments durchbrechen. Ich kann nicht mehr klar sagen: Bei diesem Loch endet jetzt die Luftsäule, sondern ich nehme einen sogenannten Gabelgriff, und dann endet die Luftsäule unbestimmt. So entsteht ein Ton, der irgendwie schmutzig und auch etwas unbestimmt ist. Schmutz hat natürlich in jeder Kunst einen großen Reiz. Zwischen der Klarheit des Reinen ist die leichte Unklarheit des Schmutzigen eine interessante Sache. Aber nun möchte ich vielleicht auch andere Tonleitern so rein spielen wie die Grundtonleiter. Um die Schmutztöne der Gabelgriffe zu vermeiden, muss ich Löcher dorthin machen, wo die neuen Halbtöne wären. Ich muss auf irgend eine Weise diese Löcher schließen und öffnen, aber dort habe ich keine Finger. Also bringe ich dort Klappen an. Jetzt sind plötzlich alle spielbaren Töne gleich rein. Ich kann die Flöte auch lauter machen, indem ich sie aus Metall mache. Das kann man immer weiter treiben. Bei jeder einzelnen dieser Maßnahmen gewinne ich etwas – Lautstärke, klangliche Gleichmäßigkeit usw. – und ich verliere etwas: Buntheit der Klänge, Obertöne, den reizvollen Schmutz, die Verschiedenartigkeit der Töne. Und da stellt sich immer die Frage: Ist es das wert? Dem einen gefällt nun das eine besser und dem andern das andere. Das ist letztlich Geschmackssache. Nur: Gewinn und Verlust halten sich immer die Waage. Eine Verbesserung per saldo gibt es nicht.

Also auch keinen Fortschritt?

Diesen Fortschrittsglauben habe ich nie gehabt. Ich kann auch nicht finden, dass ein Bild von Rembrandt besser ist als eines von Van Eyck, oder dass eine Komposition von Mozart besser ist als eine von Josquin. Hier ist es genau dasselbe: Es wird auf etwas verzichtet und dafür etwas anderes gewonnen. Irgendwann kommt man zur Einsicht, dass praktisch jede Zeit ihr optimales Instrumentarium gehabt hat, und dass die Veränderungen, die sie an den Instrumenten vorgenommen hat, genau richtig waren für ihre Musik. Diese Veränderungen sind immer in einem Wechselspiel zwischen den Instrumentalisten, den Instrumentenbauern und den Komponisten entstanden. Die schöpferischen Musiker hatten immer ein großes Interesse an den Klängen, und ihre Entdeckerfreude ließ sie dann leicht übersehen, was mit diesen Veränderungen geopfert wurde.

Da stellt sich die Frage nach der Gegenwart: Welches sind denn die Instrumente, die unserer Zeit entsprechen?

Ich denke, das ist in erster Linie das moderne Klavier mit seiner zwölftönigen Stimmung und seinem glasigen Klang fast ohne Obertöne.

Das sich immer mehr in Richtung Keyboard mit unterschiedlicher elektronischer Ausrüstung entwickelt.

Ich möchte mich auf das herkömmliche Klavier mit Saiten beschränken. Da bringt man durch das Schlagen auf die Tasten die Saiten zum Schwingen, und dadurch entsteht der Ton. Von allen heutigen Instrumenten hat das Klavier die längste Entwicklungsgeschichte, wenn man vom Monochord, von der Saite, die man zum Klingen bringt, ausgeht. Beim Keyboard liegt die Verwandtschaft nurmehr in der Klaviatur, also in einer äußeren Eigenschaft. Die Tonerzeugung findet außerhalb meines verstehbaren physikalischen Bereichs statt. Da finde ich den Preis zu hoch, der Verlust erscheint mir höher als der Gewinn.

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