domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 6

Ich brauche die Berge (7/2006)

Nikolaus Harnoncourt, 76, über den Verlust des Musischen und die Infantilität der Parteien.

Interview by Hubert Patterer and Ernst Naredi-Rainer (Kleine Zeitung), July 9, 2006

Österreich gilt als Kulturnation. Trägt es diese Charakterisierung noch zu Recht?

NIKOLAUS HARNONCOURT: Was heißt das, eine Kulturnation? Weil irgendwann ein paar Komponisten in Österreich eingewandert sind? Wir sind nicht mehr Kulturnation als Venezuela. Musikland! Solche Ausdrücke sind mir zuwider. In den lateinamerikanischen Ländern singt jeder, bei uns kann ja kein Kind mehr singen. Was da heute falsch zusammengekräht wird, das ist zum Verzweifeln.

Wir haben doch auch gekräht.

HARNONCOURT: Wir haben nicht gekräht. Von hundert Kindern waren vielleicht zwei, die nicht singen konnten. Wir haben jede Menge Lieder gelernt. Wir haben gelernt, wie wir die Stimmbänder benützen müssen.

Aber die Kinder hören doch unentwegt Musik. Sie singen nur nicht mehr „Im Frühtau zu Berge“, sondern Lieder von Christl Stürmer oder Tokio Hotel.

HARNONCOURT: Meinen Sie, was Sie da sagen?

Wir versuchen, dagegenzuhalten.

HARNONCOURT: Ach so. Na gut, wenn Sie meinen, dass alles, was durch irgendwelche Kopfhörer ins Gehirn dringt, Musik ist, dann hören sie natürlich ständig Musik. Aber wo bleibt die Auswahl von Dreck und Qualität?

War das früher ohne Beschallung anders?

HARNONCOURT: Bedenken Sie, in wie vielen Häusern Klaviere gestanden sind.

In den bürgerlichen.

HARNONCOURT: Stimmt doch nicht. Das war keine Frage der Herkunft. Die Leute haben Instrumente gespielt. Es hat zahllose Familien gegeben, da waren das Klo und die Wasserleitung am Gang draußen, und sie haben zu fünft in einem Raum geschlafen, und in der Ecke ist ein Klavier gestanden. Heute steht gar nichts mehr dort, kein Klavier, keine Geige. Da hat man die paar Knöpfe, an denen man dreht. Es ist die Freude am Erzeugen von Klängen verloren gegangen. Das führt dazu, dass die wenigen, die eine Spur von einer Stimme haben, sofort zum Star werden, wenn sie in die richtigen Klauen kommen.

Glauben Sie, dass Ihre Enkel eine schlechtere Bildung erhalten als Sie seinerzeit?

HARNONCOURT: Eine unvergleichlich schlechtere. Das ist kein österreichisches Phänomen. Die Kinder werden abgefüllt mit Wissen, das rein zweckbetont ist.

Die Kinder lernen doch mehr als jemals zuvor.

HARNONCOURT: Das trifft nur auf die Menge zu. Man versucht alles unterzukriegen, also streicht man, was nicht verwertbar ist: weniger Turnen, weniger Kunst. Ich bin pessimistisch. Es hängt so viel davon ab, wie man als Mensch entwickelt wird und nicht als brauchbares Zahnrad in einer Maschine.

Haben die Leute aus dem Mozart-Jahr gelernt?

HARNONCOURT: Ja. Die, die am meisten schimpfen aufs Mozart-Jahr, haben, wenn man nachfragt, keine Ahnung von Mozart. Die, die sich schon zuvor mit Mozart beschäftigt haben, haben neue Einblicke gewonnen.

Sie haben auch geschimpft.

HARNONCOURT: Ja, über die Vermarktung. Die Kommerzialisierung ist furchtbar, überall. Ich kann nicht einmal auf einem Hemd ein Krokodil oder irgendso etwas ertragen. Ich bin nicht bereit zu zahlen, wenn ich dann als Werbeträger herumlaufen muss. Wenn mir meine Frau, weil’s zufällig ein guter Stoff ist, so ein Ding kauft, trenne ich die Marke herunter, Faden für Faden.

In Salzburg sind Sie heuer als Dirigent von Mozarts „Figaro“ Teil der Marke Netrebko. Missfällt Ihnen der Hype um die Diva?

HARNONCOURT: Ich erlebe sie nicht als Diva. Ich komme gerade aus der „Figaro“-Probe. Zu der fährt Anna Netrebko eine halbe Stunde mit dem Fahrrad. Einmal war ein Wolkenbruch, da habe ich sie nach Hause gebracht, sie wäre trotzdem mit dem Rad gefahren. Sie arbeitet ohne Allüren.

Burg-Chef Klaus Bachler hat unlängst heftige Kritik am Zustand Österreichs geübt. Das Land habe geistig abgerüstet. Es sei grober, fantasieloser und unsensibler geworden. Teilen Sie den Befund?

HARNONCOURT: Das Land. Wie kann ein Land kleinbürgerlich werden? Bachlers Bekannte sind vielleicht kleinbürgerlich oder sie sind das Gegenteil und schimpfen über die Kleinbürger. Aber da müsste er ja, statt im Direktionszimmer zu sitzen, ständig durch die Lande wallen und die Kleinbürger befragen. Ich war entsetzt über diese Aussagen. Nur hin zu spucken ist zu wenig.

Nehmen Sie Anteil am Wahlkampf?

HARNONCOURT: Ja, wiewohl ich gewisse Dinge nicht begreife. Es sind alle Beteiligten, radikale Gruppen an den Außenflügeln ausgenommen, am selben interessiert. Grundlegende ideologische Unterschiede gibt es heute nicht mehr. Und trotzdem sagt man reflexhaft Nein, nur weil ein Vorschlag vom anderen kommt. Das halte ich für ein Zeichen von Infantilität.

Man sieht Sie fast nie in Gegenwart von Politikern. Warum meiden Sie die Macht?

HARNONCOURT: Ich meide die Gesellschaft. Bei den „Seitenblicken“ werden Sie mich nicht finden. Vielleicht hat meine Skepsis gegenüber der Sphäre der Macht mit meinen Kindheitsprägungen zu tun. Ich kann mich noch heute an die Schüsse von 1934 erinnern. Und ich habe noch die Schreie und das Brüllen von 1938 im Ohr.

Brauchen Sie Österreich als künstlerischen Schaffensraum?

HARNONCOURT: Was ich brauche, sind die Berge.

Als Kulisse?

HARNONCOURT: Nein, es ist mehr. Körperliche Anstrengung und Einsamkeit. Wenn wir freie Zeit gehabt haben, sind meine Frau und ich immer auf Berge gestiegen. Wenn das Wetter schlecht wurde, haben wir uns in den Zug gesetzt und sind zu einer Bibliothek nach Paris, Wien oder Kremsier gefahren und haben Noten gesucht. Eine Landschaft scheint bestimmte Menschen anzuziehen und zu formen. Ich fühle mich wirklich als Österreicher.

Botschafter Österreichs wollten Sie nie sein, aber sind Sie das nicht als Interpret von Bruckner, Schubert oder Johann Strauß?

HARNONCOURT: Bruckner als Land-Folklore und Schubert und Strauß als Stadt-Folklore sind schwer für jemanden, der nicht damit vertraut ist, nicht weiß, wie ein Menuett oder ein Landler geht. Wer diese Tänze nicht in den Beinen hat, kann sie nicht richtig interpretieren. Wenn jemand anderer mich als Botschafter österreichischer Musik sieht, habe ich nichts dagegen, aber ich lasse mich nicht mit einem Bauchladen herumschicken. Ich mache nur Musik, die ich bedeutend finde. Wenn dann wahrgenommen wird, dass wir oder die Musik aus Österreich kommen, finde ich das in Ordnung. Aber Stempel will ich keinen tragen.

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