domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 14

Die Habgier wird immer schlimmer - Interview zum 75. Geburtstag (11/2004)

Nikolaus Harnoncourt feiert am 6. Dezember seinen 75. Geburtstag und erteilte aus diesem Anlass Auskunft über sich selbst.

Interview with Frido Hütter & Ernst Naredi-Rainer for Kleine Zeitung (28 November 2004).


Ist Ihr bevorstehender 75. Geburtstag für Sie ein besonderes Ereignis?
NIKOLAUS HARNONCOURT: Das wäre er nur für meine Mutter – ich habe mich ja nicht geboren.

Dennoch gibt er Anlass, Bilanz zu ziehen.
HARNONCOURT: Ich bin an und für sich kein großer Rückblicker.

Dennoch: Was waren die Höhepunkte Ihrer Karriere?
HARNONCOURT: Mit 17 der Entschluss, Musiker zu werden, dann sicher die Brut des Concentus, um die durch die bildende Kunst dokumentierte Lebendigkeit des Barock auf die Musik zu übertragen. Ein ganz wichtiger Punkt war das Verlassen des Orchesters: Hätte ich das 1969 nicht gemacht, wäre ich vor zehn Jahren als Cellist der Wiener Symphoniker pensioniert worden. Das war ein großer Entschluss, für den ich keine einzige finanzielle Sicherheit hatte. Dann gibt es natürlich einzelne Realisierungen von Werken.

Was waren die schlimmsten Tiefschläge und Enttäuschungen?
HARNONCOURT: Die liegen in der Weltgeschichte, nicht im künstlerischen Bereich.

Was meinen Sie damit konkret?
HARNONCOURT: Die Entwicklung der Menschen hin zur schrankenlosen Habgier.

Hat sich dabei der Stellenwert der Musik verändert?
HARNONCOURT: Die Erziehung zur Musik hat sich drastisch verschlechtert: In der Generation, die wir noch gekannt haben, musste jeder Volksschullehrer Geige spielen können.

Ist die Ausbildung der professionellen Musiker besser oder schlechter geworden?
HARNONCOURT: Es können nicht alle Ziele damit erreicht sein dass eine Note richtig getroffen wird und schlackenfrei erklingt. Es gibt große Orchester, die mit dem Argument, „wir können das Werk“, möglichst wenig Proben haben wollen. Oft stellt sich dann aber heraus, dass sie es nicht verstehen. Entscheidend wäre es, die Inhalte von Kunst zur wichtigsten Sache zu machen. Wenn man nicht an der Botschaft interessiert ist, sondern nur an der ästhetischen Oberfläche, dann verraten wir die Kunst.

Bereitet es Ihnen eine Genugtuung, dass sich Ihr Image vom Sektierer zum Fixstern am Interpretenhimmel gewandelt hat?
HARNONCOURT: Nein. Es ist mir klar, dass es in der Entwicklung jeder Sache Stadien wie Jugend, Blüte und Greisenalter gibt. Eine neue Idee wird zuerst abgelehnt, ist dann umstritten, um schließlich zur langweiligen Selbstverständlichkeit zu werden. Diese Entwicklung muss man aushalten.

Warum haben Sie nie mit einem anderen Originalklangensemble gearbeitet, sondern sich ausschließlich auf den Concentus musicus konzentriert?
HARNONCOURT: Meine Art, mit historischen Instrumenten umzugehen, habe ich mit der Gruppe, mit der ich arbeite, erworben. Sie ist, auch wegen der Verjüngung, immer in Bewegung geblieben, nie erstarrt. Da fühle ich mich nicht als dazugekaufter Dirigent. Ich würde es nicht für sinnvoll finden, in die so genannte Originalklangszene den wandernden Dirigenten einzubringen.

Bei den „modernen“ Orchestern ist diese Exklusivität undenkbar.
HARNONCOURT: Dass praktisch jeder Dirigent jedes Orchester gleich oft sieht und die meisten Orchester gar nicht sagen können, mit welchem Dirigenten sie wirklich leben, halte ich für eine Fehlentwicklung. Es ist international zu erkennen, dass sich sehr vieles annähert. Ich konzentriere mich auf wenige Orchester.

Wie wichtig ist die Dokumentation Ihrer Arbeit auf Platten?
HARNONCOURT: Ich habe nur sehr wenig dazu getan. In den fünfziger Jahren sind die Manager mehrer Plattenfirmen zu unseren Konzerten gekommen und haben dann mit mir ihre Ideen diskutiert und daraus ist eine sehr intensive Tätigkeit entstanden. Jetzt finde ich es schon sehr schön, dass es rund 430 Aufnahmen gibt, an denen man erkennen kann, was wir gemacht haben.

Lassen sich heute Kunst und das immer stärker werdende Profitdenken der Tonträgerindustrie miteinander vereinbaren?
HARNONCOURT: Das ist unvereinbar.

Trotzdem machen Sie nach wie vor viele Aufnahmen.
HARNONCOURT: Mit meinen Platten kann man nicht so viel verdienen wie ein Waffenhändler.

Mit den Neujahrskonzerten macht man doch gute Umsätze?
HARNONCOURT: Verglichen mit irgendeinem schnell hoch gepushten Teenager, der dann zwei Jahre lang ausgepresst wird, hält sich das in Grenzen.

Wie groß ist eigentlich der Anteil Ihrer Gattin an Ihrer Karriere?
HARNONCOURT: Unermesslich. Einerseits durch ihre Mitarbeit, andererseits hat sie mir den Kopf frei gehalten. Ich arbeite ja ohne Manager und ohne Assistent. Ich mache alles selbst – und das wäre ohne meine Frau undenkbar.

Was spielt in Ihrem Leben außer der Musik eine wichtige Rolle?
HARNONCOURT: Die Familie. Auf ihr basiert überhaupt alles.

Wie wichtig ist Literatur für Sie?
HARNONCOURT: Sehr viele der großen Autoren des 19. Jahrhunderts habe ich komplett gelesen. Es liegt immer etwas, auch Zeitgenössisches, auf dem Nachtkästchen. Die letzte Stunde vor dem Einschlafen gehört dem Lesen.

Welche lebenden Autoren gefallen Ihnen besonders gut?
HARNONCOURT: Das sage ich nicht. Oft folge ich anregenden Literaturkritikern wie Peter von Matt.

Haben Sie etwas von Elfriede Jelinek gelesen?
HARNONCOURT: Ja, aber noch keines ihrer Bücher.

Verfolgen Sie die Tagespolitik?
HARNONCOURT: Notgedrungen.

Dennoch haben Sie die Politik nie kommentiert.
HARNONCOURT: Der englische Komiker Rowan Atkinson hat dazu das Beste gesagt: Man darf sich als Künstler nicht missbrauchen lassen. Ich verstehe nicht, warum die Künstler, die doch nicht die Kasperln der Welt sind, zu allem und jedem Stellung nehmen sollen, als wären sie einsichtiger und besser als die anderen.

Warum sind heute Interpreten wie Sie viel populärer als Komponisten?
HARNONCOURT: Das verstehe ich nicht, das ist wirklich grotesk. Diese Entwicklung lässt sich auf den Plakaten vom 19. Jahrhundert bis heute nachvollziehen, auf denen zunächst der Autor dominierte und heute der Dirigent in Großbuchstaben prangt. Bei Berichten über die Salzburger Festspiele ist ja nicht mehr von Mozarts „Don Giovanni“ die Rede, sondern von Martin Kušejs „Don Giovanni“ – da steht also der Regisseur im Vordergrund.

Welche Wünsche haben Sie an die Zukunft?
HARNONCOURT: Die lassen sich aus meinen Klagen über die Gegenwart ableiten: Ich wünsche mir ein totales Umdenken.

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