domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 22

«Die modernen Orchester haben im Grunde keine Ahnung»
Nikolaus Harnoncourt über die Interpretation alter Werke, den Unsinn von Jubiläen und das Internet

VON REINMAR WAGNER

Nikolaus Harnoncourt ist einer der führenden Dirigenten der Welt. Derzeit probt er am Zürcher Opernhaus für eine Neuproduktion von «Don Giovanni». Der Österreicher über seine Liebe zu Mozart und seine Vorbehalte gegenüber Wagner.

Herr Harnoncourt, bereits zum zweiten Mal leiten Sie nun am Opernhaus Zürich eine Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts «Don Giovanni». Ist Mozart Ihr Lieblingskomponist?

Nikolaus Harnoncourt: Ich kann Ihnen nicht sagen, ob mir Mozart als Mensch sympathisch ist - oder Beethoven, der vielleicht ein Ekel von einem Menschen gewesen ist. Als Musiker aber liebe ich Mozart wie Beethoven über alles.

Und wie steht es mit Richard Wagner? In diesem Sommer werden Sie in Graz zum ersten Mal etwas von ihm dirigieren.

Harnoncourt: Dass mir Wagner persönlich eher unsympathisch ist, hat wenig damit zu tun, ob ich ihn aufführe oder nicht.

Umso mehr stellt sich die Frage: Weshalb nehmen Sie sich erst jetzt Wagner vor?

Harnoncourt: Um Wagner reissen sich ja sowieso alle Dirigenten. Es fehlt der Musikwelt überhaupt nichts, wenn ich da nicht mitmache. Ausserdem gibt es ein paar Komponisten, die mich nicht wirklich ansprechen. Dazu gehören zum Beispiel Lully oder Gluck oder Berlioz. Dazu gehört auch Richard Strauss, obwohl ich ihn für den begabtesten Komponisten nach Mozart halte.

Und warum können Sie mit diesen Komponisten wenig anfangen?

Harnoncourt: Es sind Komponisten, die immer nur von sich selbst erzählen. Ehrlich gesagt, ich finde, das ist ein Missbrauch von Kunst.

Grosse Musik entsteht doch aber oft gerade aus solchen persönlichen Erlebnissen und Schicksalsschlägen.

Harnoncourt: Was ein Komponist selbst erlebt hat, das ist sein Material, woraus er Kunst schafft. Ein ganz grosses Beispiel dafür ist Schubert: Alles, was er erlebt und erlitten hat, geht in seiner Musik auf, aber er erzählt nie von sich selbst. Wenn ich aber einen Gustav Mahler habe oder einen Hector Berlioz, dann höre ich nur «ich, ich, ich».

Wie viel fliesst denn von Ihnen selbst in Ihre Interpretationen ein?

Harnoncourt: Ich kann ja nicht sozusagen als Astralleib hinstehen, wenn ich dirigiere. Ich glaube, dass ein grosses Kunstwerk vom Moment an, wo es den Komponisten verlassen hat, ein Eigenleben beginnt. Wobei ich schon versuche zu verstehen, was der Komponist gemeint hat; aber ich weiss auch, dass ich das nicht wirklich kann. Und in dieser Beziehung fühle ich mich berechtigt, mein eigenes Verständnis mit einzubringen. Der Komponist kann mich nicht über Jahrhunderte hinaus dazu verpflichten, seine Arbeit auszuführen. Ich bin nicht sein Polizist.

Im Vergleich zu Ihren Kollegen sind Sie aber in viel stärkerem Mass Polizist. Immerhin sind Sie erst einmal von den historischen Instrumenten und Spielweisen ausgegangen.

Harnoncourt: Ich muss zuerst schauen, wie es damals gemacht wurde. Dann aber muss ich es selber machen. Ich habe mir nie vorgestellt, dass Monteverdi, wenn er zur Tür hereinkommen würde, das, was wir machen, richtig finden würde.

Sie gehören trotz Krise auf dem Plattenmarkt nach wie vor zu denjenigen Künstlern, die Jahr für Jahr sehr viele Platten herausbringen.

Harnoncourt: Und doch sind es zu wenig. Da gibt es Werke wie Schumanns «Paradies und die Peri» oder die «Faust-Szenen», Stücke, wo ich denke, dass ich wirklich etwas zu sagen hätte. Das sehen die Plattenmanager auch ein, aber sie glauben, sie verkaufen das nicht. Dutzende von Marketing-Leuten müssen ihr Einverständnis geben, bevor eine Aufnahme gemacht wird. Ich bedaure das, aber es ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, dass man die Stücke im Konzert aufführen kann.

Würde sich das Internet nicht als Gefäss für solche Aufnahmen anbieten, die bei den Plattenfirmen unter den Tisch fallen?

Harnoncourt: Ach, wissen Sie, ich komme aus einer vollkommen anderen Zeit. Ich habe diese Evolution des Internet persönlich überhaupt nicht mitbekommen. Dieser ganze spielerische Umgang mit den technischen Möglichkeiten ist mir sehr fremd. Ich fühle mich wohl in einer Werkstatt mit einer Säge und mit Holz, wo ich alles anfassen kann.

Also müsste Ihnen eine CD schon suspekt sein?

Harnoncourt: Die Art, wie Musik da drin gespeichert ist, ja. Bei der alten schwarzen Vinylplatte kann ich sehen, wie die Bewegungen der Nadel den Schwingungen der Musik entsprechen. Ich verstehe schon, dass man alles nur mit Ja und Nein sagen kann, aber ich bin nicht glücklich damit. Die Vorstellung ist mir zuwider, dass ein Mensch erzogen und gefüttert und beladen wird mit lauter unnötigen Sachen. Für mich ist das der Weg zur Bestialität.

Welches Gegengewicht würden Sie denn setzen?

Harnoncourt: Für mich ist alles, was technokratisch und materialistisch ist, unmenschlich. Natürlich sind es Dinge, die auch zum Leben gehören, aber wenn sie zum Zentrum des Lebens werden, dann können wir die Zukunft vergessen, solche Bestien, wie wir dann werden. Da gibt es keine Freundschaft, keine Liebe mehr. Die Musen sind das Letzte, was uns davor schützen kann.

2000 ist Bach-Jahr, was dürfen wir vom Bach-Interpreten Harnoncourt erwarten?

Harnoncourt: Solche Jubiläen sind für mich persönlich völlig unwichtig. Die Musik Bachs wird kein bisschen anders, ob er nun 250 oder 249 Jahre tot ist. Ich finde den ganzen Geschäftsbetrieb, der immer einen Aufhänger haben muss, ziemlich belustigend.

Auch Ihren 70. Geburtstag im Dezember?

Harnoncourt: Ich sehe überhaupt nicht ein, was nun an diesem 70. so besonders sein soll. Überhaupt, dass man jedes Jahr sagt, da schau her, ich bin geboren worden vor so und so vielen Jahren.

Immerhin geben solche Jubiläen auch den Anstoss zu Forschungen. Das kann Ihnen doch nur recht sein?

Harnoncourt: Gegen praktische Geschenke habe ich nichts. Wir haben bei den Bach-Kantaten damals 95 Prozent unserer Noten selbst geschrieben, weil keine brauchbaren Ausgaben vorhanden waren. Ich wünsche mir zum Beispiel auch, dass das Basiswissen für jeden Musiker sofort zugänglich ist, dass jeder weiss, was ein Menuett, eine Gavotte, eine Polka ist. Wenn einer nicht weiss, was eine Polka ist, und spielt eine Bruckner-Sinfonie, dann hört man sofort, dass er keine Ahnung hat.

Wie weit sind denn die normalen Sinfonieorchester heute, wenn es um historische Artikulationen und Spielweisen geht?

Harnoncourt: Ich würde es so sagen: Die modernen Orchester, genauso wie die Barockorchester, haben im Grunde genommen keine Ahnung! Ich habe bei meinen Forschungen sämtliche Texte ständig hinterfragt, ich glaube keinem etwas, ich schlage immer alles nach, ob es auch wirklich stimmt. Aber die vielen Barock- und Klassikensembles, die es heute gibt, die haben zum grossen Teil gar kein Wissen mehr. Die spielen so wie wir, aber warum so und nicht anders, das wissen die nicht und stellen es genauso wenig in Frage wie die Philharmoniker im grossen Orchester.

Es ist ja auch alles andere als klar, wie man die vorhandenen Quellen interpretieren muss.

Harnoncourt: Wem sagen Sie das! Glaubt man der Überlieferung, müssten Generationen von Musikern mittelalterliche Musik ohne Instrumente gespielt haben, da der Papst eine Verordnung herausgegeben hatte, dass in der Kirche keine Instrumente gespielt werden dürfen. Bei mir spielen wir mit den Instrumenten. Und warum? Weil die früher natürlich trotz des päpstlichen Verbots mit Instrumenten gespielt haben. Deshalb musste es der Heilige Vater ja auch immer wieder untersagen. Ein anderes Beispiel: Es gibt Leute, die glauben zu wissen, wie man Barockmusik stilistisch richtig singt. So etwas Verrücktes! Es hat noch niemand einen Barocksänger ausgegraben, der dann wieder lebendig geworden wäre und gesungen hätte. Es gibt Hypothesen, und ich bin sehr für Hypothesen. Aber dann zu behaupten, etwas sei richtig, das ist ganz unwissenschaftlich.

Irgendwann müssen Sie solche Dinge ja aber doch festlegen, wenn Sie alte Musik aufführen wollen.

Harnoncourt: Ich gehe von dem aus, was ich weiss. Wir haben beim unserem Ensemble Concentus Musicus am Anfang ausschliesslich auf echten alten Instrumenten gespielt. Wir haben Teile ausgewechselt und geschaut, was sich dabei verändert, bis wir so weit waren, dass wir genug von den alten Instrumenten gelernt hatten. Aber zugleich haben wir immer das Bewusstsein dafür gehabt, dass derjenige, der dieses Instrument vor 200 Jahren gespielt hat, unser heutiges Spiel völlig absurd finden würde. Und denken Sie an die Orgeln: Mein Gott, schon die Luft ist heute anders.

Das heisst also, dass eine wirklich authentische Interpretation von alter Musik gar nicht möglich ist?

Harnoncourt: Sie können vielleicht aus einem Bergwerk, in dem Luft von 1750 eingeschlossen ist, einen Ballon voll davon sammeln und damit eine Stunde Barockorgel spielen. Wir atmen Barockluft und dann gehen wir ein Barockschnitzel essen ... Sie sehen, die Skurrilität von diesem ganzen Historizismus ist mir durchaus bewusst.

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