domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 19

NIKOLAUS HARNONCOURT:

JEDES WERK IST FÜR MICH EINE URAUFFÜHRUNG

Mit Nikolaus Harnoncourt kommt am 9. Juni der Pionier der historischen Aufführungspraxis wieder einmal in seine Geburtsstadt Berlin. Mit seinem Ensemble Concentus Musicus und der Sopranistin Sylvia McNair gastiert der Dirigent und Cellist bei der von der Berliner Morgenpost unterstützten Reihe "Kammerorchester international" mit Werken von Mozart und Händel im Konzerthaus.
Außer Arien haben Sie Mozarts "Jupitersinfonie" auf's Programm gesetzt - ein Werk, das Sie schon oft dirigiert haben?
Nikolaus Harnoncourt: Gar nicht, ich dirigiere berühmte Stücke möglichst selten. Ich spiele alles wie eine Uraufführung. Routine muß vermieden werden.
Seit sieben Jahren dirigieren Sie auch die Berliner Philharmoniker, was zu Karajans Zeiten nicht möglich war. Warum eigentlich nicht?
Harnoncourt: Karajan war von 1950 bis 1960 Chef der Wiener Symphoniker und hat mich 1952 persönlich als Cellisten engagiert. Ich habe hunderte von Konzerten unter ihm gespielt. Dann hat mir ein Journalist negative Worte über ihn in den Mund gelegt. Es ist leider nie gelungen, das Mißverständnis auszuräumen.
Nun hat sich das Verhältnis zu den Philharmonikern normalisiert?
Harnoncourt: Es ist phantastisch. Ich arbeite aber auch nur mit wenigen guten Orchestern: den Berliner und Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem Cocertgebouw, dem Chamber Orchestra of Europe und der Züricher Oper.
Wie kommt man als Orchestermusiker bei den Wiener Symphonikern dazu, sich für Barock- und Renaissancemusik zu interessieren?
Harnoncourt: Das Interesse war schon während des Studiums an der Wiener Musikhochschule da. Bevor man die schwere romantische Literatur spielt, bekommt man als Musizierfutter Barockmusik. Ich war sehr enttäuscht, fand diese Musik langweilig und steril. Andererseits habe ich gelesen, daß sich die Zuhörer damals auf den Boden geworfen und ihre Kleider zerrissen haben. Da bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß wir etwas falsch machen. Mit ein paar Kommilitonen habe ich Versuche mit größerer Leidenschaft und historischen Instrumenten unternommen. Wir haben Zugang zu der Sammlung des kunsthistorischen Museums bekommen. Jede Woche trafen wir uns zwei bis vier mal an unseren freien Nachmittagen und gründeten 1954 unser Ensemble Concentus Musicus. Auch meine Frau, die heute noch die erste Geige im Ensemble spielt, war von Anfang an dabei.
Wann haben Sie angefangen, Instrumente zu sammeln?
Harnoncourt: 1951 während des Studiums. Damals habe ich mir eine Gambe gekauft. Ich habe allerdings immer nur gesammelt, was wir konkret für die Praxis gebraucht haben.
Zum Beispiel die Traversflöte aus dem Besitz vom Alten Fritz?
Harnoncourt: Er hat sie mir persönlich vermacht. Lachen Sie nicht, das ist wirklich so. Er hat sie einem österreichischem General nach der Schlacht geschenkt, und ein Nachfahre hat mir die "Hölzer mit Löchern drin" weitergegeben. Die Flöte war nie gespielt worden. Inzwischen habe ich sie auf hundert Schallplatten verewigt.
Die ersten Konzerte Ihres Ensembles waren sofort Riesenerfolge. Warum sind Sie trotzdem bis 1969 als Cellist bei den Wiener Symphonikern geblieben?
Harnoncourt: Weil ich ein ganz scharfer Gegner von Spezialisierungen bin. Wir haben in unserem Ensemble nur Musiker, die auch moderne Instrumente spielen. Sie müssen einen weiten musikalischen Horizont haben.
Seit 1972 dirigieren Sie auch "normale" Orchester. War es Ihnen wichtig, Ihre Gedanken zu verbreiten?
Harnoncourt: Es war mir sehr wichtig, die Farbpalette "normaler" Orchester um die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zu bereichern. Ich habe die Symphoniker verlassen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe, wie die meisten Dirigenten mit den Stücken umgegangen sind.
Ihr Repertoire hat sich immer mehr auf unser Jahrhundert zubewegt. Dirigieren Sie inzwischen auch Uraufführungen?
Harnoncourt: Ich habe Alban Berg dirigiert und auch ein Werk von Berio uraufgeführt. Das 20. Jahrhundert interessiert mich sehr. Andererseits bin ich jetzt fast siebzig, und es fehlt mir die Zeit. Ich gebe nur 80 bis 90 Konzerte pro Jahr, aber ich treibe einen riesigen Aufwand für jedes neue Stück, weil ich mich wirklich mit den Quellen beschäftige. Außerdem glaube ich, daß mein Talent in erster Linie darin besteht, die Musik der letzten 300 Jahre in meiner persönlichen, transparenten Sicht wiederzugeben.

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