domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 4: STABAT MATER, de DVORÁK

Mich kümmert das nicht mehr (5/2007)

Nikolaus Harnoncourt conducts Chorus and Symphony Orchestra of the Bayerischer Rundfunk: Dvorák's Stabat Mater in the Munich Herkulessaal. Caused by this event, Markus Thiel interviewed the conductor beforehand.

Münchner Merkur, May 24, 2007

Drei Kinder Dvoráks starben in der Entstehungszeit des Stabat Mater. Inwieweit hat das die Komposition beeinflusst?

Eigentlich sträubt sich bei mir alles, wenn man Biografie und Werk verquickt. Der wirkliche Profi komponiert nicht die Magenverstimmung seiner Frau. Natürlich benützt ein Künstler emotionale Erfahrungen. Aber wenn ich in einem Werk „Ich“ höre, ist es für mich nicht mehr interessant. Berlioz empfinde ich zum Beispiel als unangenehm autobiografisch. Was ich bei Dvorák spüre, ist ein sehr starkes religiöses Element.

Was teilt sich in diesem Stück über seinen Glauben mit, wenn man es mit geistlichen Werken von Schubert oder Beethoven vergleicht?

Beethoven gilt als Freigeist, der Ordnungen abgelehnt hat. Das stimmt gar nicht. Der niedere Klerus war ihm halt, wie vielen damals, zu engstirnig. Bei ihm spüre ich eine Explosivität in der Auseinandersetzung mit dem Glauben, das finde ich bei Dvorák nicht. Maria wird als Frau und in ihrer Beziehung zum Kind dargestellt. Die Identifikation mit dem Leiden dieser Frau, ein zeitloses Thema, wird dabei noch verstärkt.

Bei „Paradisi Gloria“, der Vision des Paradieses, gipfelt sich die Musik am Ende auf. Misstraut Antonin Dvorák diesem Triumph?

Es ist kein Triumph. Es erinnert mich eher an slawische Kirchenmusik mit ihrem Pathos. Ich höre da so ein ostkirchliches Dröhnen. Wie ein Lichtstrahl. Mir fällt da das Hauptbild des Isenheimer Altars ein, der für ein Siechenhaus gemalt wurde. Bei der Öffnung des letzten Flügels mit seinen Lichtvisionen haben seinerzeit Heilungen stattgefunden. Die Leute sind in Ekstase gefallen. Ich habe dem Chor gesagt, dass mit den Worten „Paradisi Gloria“ die Stimme plötzlich heller werden muss.

Sie gelten als einer, der Komponisten von falsch Verstandenem befreit. Was gibt's bei Dvorák zu tun?

Dvoráks Inspiration versiegte nie. Wenn der was komponierte, stand er in einer Dusche von Einfällen. Was ihm für geringste Anlässe einfiel, reichte bei einem anderen für fünf Symphonien. Diese Leichtigkeit der Erfindung hat ihm wohl den Ruf der Oberflächlichkeit eingetragen. Nehmen wir die „Slawischen Tänze“. Die werden dauernd als Zugabe gespielt. Einmal geprobt, dann raus damit. Wenn sie das so hören, dann hören sie nur die Kruste. In Wirklichkeit beschreibt das eine Wanderung durch die slawische Welt. Wahnsinnig schwer zu spielen!

Wenn man geistliche Werke allgemein betrachtet: Wie kann es sein, dass die Matthäus-Passion am Karfreitag voll ist, während die Kirchen immer leerer werden? Wer hat da was falsch gemacht?

Dieses Vollsein der Passion ist mir verdächtig. Vor allem wenn man sie ihrer Religiosität und Zeitgebundenheit entkleidet und sie nur mehr ins Ästhetische wendet. Wenn Kirchen leerer werden, heißt das nicht, dass die Sehnsucht nach Spiritualität abnimmt. Die zeigt sich doch an den unmöglichsten Stellen. An Astrologie, an Esoterik, an Traumdeutung. Die ganze Rationalität der heutigen Menschen bricht zusammen in den blödsinnigsten, nebulösesten Überzeugungen. Man sucht in den entlegensten Gegenden irgendwelche Gurus oder Schamanen, um die Religiosität der eigenen Gegend zu vermeiden.

Aber auf irgendeinen fruchtbaren Boden trifft doch die geistliche Musik.

Das ist so eine Sehnsucht. Und darin liegt eine Hoffnung. Auch wenn ich sonst pessimistisch bin, was die Entwicklung der menschlichen Geistigkeit betrifft. Ich begreife mich in solchen Aufführungen nicht als Ersatzpriester. Aber eine Übertragung von Inhalten, die auf eine eigene Erlebnisfähigkeit trifft, sollte erfolgen. Nur wird die immer weniger, auch das Basiswissen.

Dann muss sich die Rolle des Interpreten verändern. Ein wenig müssten Sie den Ersatzlehrer geben.

Es scheint so. Weil ich in den Proben den Musikern viel erkläre, meinen die oft: Dasselbe müssen Sie auch dem Publikum sagen. Dann tue ich das, offenbar mit Erfolg. Lieber wäre mir's schon, ich könnte darauf verzichten. Ich will ja nicht seminarhaft werden. Im Grunde macht dies das Erleben von Kunst unmöglich. Musik ist eine Kunst des Unaussprechbaren.

Vielleicht sollte man über andere Konzertformen nachdenken. Wie sieht denn ein Abo-Konzert in 50 Jahren aus?

Die Art des Konzertablaufs - da kauft man sich eine Karte, setzt sich in eine Reihe und geht sozusagen mit einem Paket Musik bereichert nach Hause­, so was hat ja einen Teil der Kunstinteressierten ausgeschlossen. Das ist ein Ergebnis des bürgerlichen Musiklebens. Zuvor, durch häusliches Musizieren, vor allem aber durch das ständige Musikhören in den Kirchen, waren solche Erlebnisse nicht schichtspezifisch.

Dann ist es vielleicht doch nicht so dumm, dass man den Menschen entgegenkommt mit drei oder zehn Tenören.

Das ist ganz übel. Das Bedenkliche ist außerdem der Qualitätsverfall, die Simplifizierung in der U-Musik. Gerade die Mehrstimmigkeit ist eine Errungenschaft unserer abendländischen Kultur. Inzwischen fallen wir ins Frühmittelalter zurück. Nehmen Sie eine Melodie von Hildegard von Bingen plus Rhythmusgerät, fertig ist der Song.

Und was die Vermittlung betrifft: Meinen Sie nicht, dass bei „Manon“-Open-Airs mit Anna Netrebko doch ein paar Menschen an der Klassik hängenbleiben?

Natürlich, aber sie bleiben kleben wie bei einer sehr gut gemachten Werbung. Bedenken Sie, welche Stücke manchmal ausgewählt werden! Jüngst hat der ORF Donizettis „Regimentstochter“ aus der Wiener Staatsoper übertragen. Ich halte das nicht einmal für aufführenswert. Bevor man sich an die „Regimentstochter“ macht, sollte man sich um den kompletten Offenbach kümmern. Der ist hunderttausend Mal besser. Mist, dargeboten von Spitzenleuten, da versink' ich doch in der Erde.

Ihr Kollege Christian Thielemann setzt bei den hiesigen Philharmonikern auf ein absolutes Standard-Repertoire, und die Leute kommen.

Das ist grundsätzlich positiv. Aber man muss auch dafür sorgen, dass man etwas dranhängt, dass also die Erfahrungs- und Erlebnishorizonte erweitert werden. Manchmal kommt mir das Musikleben wie ein Baum vor. Aus den Wurzeln, am Boden sprießt es grün. Aber der Baum ist fast abgestorben, was wir sehen, sind Paniktriebe. Eine Euphorie vor dem Tod.

Warum ziehen Sie sich eigentlich aus der Oper langsam zurück?

Vergessen Sie nicht mein Ablaufdatum. Ich mache 2008 Schumanns „Genoveva“, außerdem Strawinskys „Rake‘s Progress“ und in Graz Mozarts „Idomeneo“, den ich auch selbst inszeniere.

Da werden einige sagen: Warum muss er jetzt auch noch Regie führen?

Das ist mir schon klar. Aber ich habe noch nie eine Produktion erlebt, wo das Stück wirklich aufgeführt wurde. „Idomeneo“ steht in der französischen Tradition und ist etwa Rameau verwandt. Es ist Mozarts missverstandendste Oper. „Opera seria“? Das ist lächerlich. Und Schimpfe kriegen für meine Inszenierung: Ich bin bereits im kanonischen Alter, mich kümmert das nicht mehr.

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