domingo, 27 de septiembre de 2009

HARNONCOURT 12

Menschenrecht Klangerfahrung (4/2005)

Nikolaus Harnoncourt dirigierte am 24. April 2005 im Wiener Austria Center das Mürztaler Jugendsinfonieorchester. Ein Gespräch über Musikausbildung, Musik für werdende Mütter und seine Version der „Carmen“, die Andrea Breth für die Styriarte in Graz inszeniert.

Interview by Ljubisa Tosic

Der Herr, der sich an Nikolaus Harnoncourt im Austria Center mit einem „Danke für das schöne Konzert!“ wandte, hat seine Worte womöglich gleich bereut. Statt diplomatischer Höflichkeit hatte er als Antwort ein trockenes „Darum ging es nicht!“ zu erleiden, doch er sollte es nicht persönlich nehmen.
Harnoncourt wollte wohl keine Missverständnisse darüber aufkommen lassen, worum es ihm bei der Zusammenarbeit mit den 210 Mitgliedern des Mürztaler Jugendsinfonieorchesters ging. Schlicht ums Musikmachen und -erleben. Seit geraumer Zeit plagt ihn ja das Gefühl, dass dieser Aspekt in seiner Bedeutung für die Entwicklung von Jugendlichen nicht gewürdigt wird.

„Es ist ganz arg! Die für die Lehrpläne zuständigen Politiker sagen, für das Fortkommen und den wirtschaftlichen Wohlstand sei der Musikunterricht nicht notwendig. Die haben keine Ahnung! Und wenn es für sie selbst nicht notwendig ist, dann ist das traurig genug. Es geht darum, dass sie erkennen, welche Rechte Kinder haben. Man darf ihnen nicht vorenthalten, was sie haben müssen!“

Auch rein medizinisch betrachtet sei die Beschäftigung mit den Künsten eine Bereicherung für die Gehirntätigkeit: „Ich war an einem Gehirnforscherkongress beteiligt, und es war erstaunlich: Bei einem Neugeborenen sind die linke und die rechte Gehirnhälften extrem vernetzt. Das könnte ein Erwachsener gar nicht ertragen, da würde so viel vom Emotionellen ins Rationale gehen - man würde wahnsinnig werden. Die unnötigen Vernetzungen werden später zwar gekappt.“ Durch die Beschäftigung mit Musik würden sie jedoch bis zu einem gewissen Grad wieder hergestellt, so Harnoncourt: „Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der kreativen Wissenschafter musische Menschen sind. Wenn man sagt: Man muss Musik machen, damit man ein besserer Physiker wird, das wäre natürlich eine Gemeinheit. Man muss es machen, weil man es braucht.“

Wäre er selbst Musiklehrer, er würde den Kindern „die Spannungen, Erregungen und Freuden jeder Art von Musik nahe bringen“ wollen. Wobei er meint, dass man auch in jener Wachstumsphase vorsichtig sein muss, die der Geburt vorangeht - schlicht aus Gesundheitsgründen:

„Werdende Mütter sollten schauen, dass sie dem Kind keine wummernde, laute Musik zumuten. Manche Bässe werden nicht nur vom Ohr aufgenommen, sondern von der Haut. So wie man einer Mutter empfiehlt, nicht zu rauchen, nicht zu trinken, so sollte man auch bei der Musik vorsichtig sein. Es gibt in jedem Genre gute Musik, auch habe ich nichts gegen eine Zigarette. Ein guter Wein ist was Tolles. Aber nicht immer.“

Ideal Gulda

Wenn man ihn zu der Ausbildung von Profis befragt und ihm das Stichwort „improvisieren“ zuwirft - als ergänzende Disziplin zum reinen Notenlesen - dann kommt Interessantes zutage: „Das gehört selbstverständlich dazu. Mit zwölf habe ich stundenlang meine Gefühle am Cello ausgedrückt. Nur für mich. Ich wollte damit niemanden belästigen. Wer nur einem Notendrill ausgesetzt ist, der macht auch das schlecht. Friedrich Gulda ist ein gutes Beispiel, er war ein großer Musiker. Der hat immer so getan, als wäre ihm alles wurscht, hat eine Zigarette am Klavier gehabt, das Orchester wurde nervös. Aber er hat nicht geduldet, dass irgendeiner nicht so spielt, als ginge es nicht um alles. Er konnte auch improvisieren. Es gibt viele, die nur Noten abspulen, Akrobaten. Das geht ins Äffische.“

Nichts stimmt

Es versteht sich, dass er selbst flexible Musiker bevorzugt. Etwas anderes könnten diese auch gar nicht sein, wenn sie sich mit Harnoncourt demnächst etwa in die Noten von Carmen vertiefen, jener Oper, die er bei der Styriarte präsentieren wird: „Ich habe gesehen, dass da hinten und vorne nichts stimmt. Was aus dem Werk geworden ist! Es gibt keine einwandfreie wissenschaftlich fundierte Werkausgabe, dabei gibt es wenige, die so genau notiert haben wie Bizet.“

Er habe jetzt „eine neue Ausgabe bekommen, da sind von allen Passagen alle Alternativen drin. Man hat eine Verismo-Oper daraus gemacht, dabei nennt er sie eine Opera comique. Es darf kein durchkomponiertes Stück sein, braucht Dialoge. Vollkommen andere als die vorgesehenen Sängertypen haben die Oper. Ich werde darauf hinweisen, und man wird mir das vorwerfen, aber das ist mir wurscht!“

Schließlich hat er mit der selektiven Wahrnehmung seiner Arbeit zu leben gelernt: „Wenn ich etwas langsam gemacht habe, wurde es bemerkt und kritisiert. Wenn ich etwas viel schneller gemacht habe, gefiel es - schnell ist offenbar immer gut. Am Anfang hat man auch gesagt, ich würde so mit den Pauken krachen. Doch ich habe viel Aufwand betrieben, damit gerade die lyrischen Passagen so klingen, dass sie wirklich etwas aussagen. Aber man sagte: 'Der lässt die Akzente so knallen, dass Lautsprecher gesprengt werden.'“ Nun, vielleicht haben diese lieben Leute nur schlechte Musiklehrer gehabt.

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